Lissai

Lissa

Lissai und Kaunos

eine neue Grabinschrift

aus dem Lykisch-Karischen Grenzgebiet

WERNER TIETZ

Im Umfeld des heutigen Touristenflughafens Dalaman an der Südwestküste der Türkei, im antiken Grenzgebiet zwischen Karien im Westen und Lykien in Osten, zwischen Kaunos und Telmessos, haben bislang keine intensiven Feldforschungen stattgefunden. Das unser Wissen über den archäologischen Bestand dieser Region dennoch beträchtlich ist, verdanken wir ausschließlich Reiseaufzeichnungen, in denen Archäologen, Epigraphiker, Völkerkundler und Militärs seit dem 18. Jh. aus dieser Region berichten.

Eines der zahlreichen Probleme, mit denen diese Region aufwartet, bildet die Polis Lissa oder – wie sich im folgenden zeigen wird – Lissai, die man aufgrund der bekannten Inschriften TAM II 158–161 am Südufer des Kargın Gölü, ca. 10 km südlich der heutigen Kleinstadt Dalaman, lokalisierte. Lissai erscheint in frühhellenistischer Zeit als eigenständiges Gemeinwesen, als Polis griechischen Zuschnitts: Die Gemeinde besitzt einen verfassten Demos, der Ehrendekrete beschließt und dabei Atelie sowie politeia verleiht, ein ephestekos genanntes öffentliches Amt, dessen Inhaber, ähnlich wie ein attischer epistates, die Volksversammlung leiten und auch für die Umsetzung der Beschlüsse zuständig sind, sowie einen der zu dieser Zeit üblichen eponymen Priester. Gegen Ende des 3. Jhs. v.Chr. verschwindet Lissai aus der Überlieferung und fehlt insbesondere in der Kaiserzeitlichen Chorographie bei Strabon, Pomponius Mela, Plinius dem Älteren und im Stadiasmos maris magni, obwohl diese auf den Küstenstrich zwischen Kaunos und Telmessos teilweise sehr detailliert eingehen. Eine Erklärung für dieses Schweigen der Quellen bietet m.E. nun eine kurze Grabinschrift, die im folgenden vorgelegt werden soll. Ich habe das Dokument an anderer Stelle bereits erwähnt. Damals konnte jedoch der volle Text nicht gegeben und daher auch nicht näher auf ihn eingegangen werden.

Zustand des Inschriftenträgers und Topographie

Fundort ist die intakte äußere Südwand eines verlassenen Bauernhauses am Nordwesthang des Eren Tepesi, einen knappen Kilometer südlich des Kargın Gölü, wo der Inschriftenträger im Mörtelbruchsteinmauerwerk verbaut wurde. Weitere Spolien, allerdings unbeschriftet, wurden im Reißverschlußsystem zur Eckbildung des Hauses verwendet. Das Gebäude war bis vor ca. 15 Jahren noch bewohnt und befindet sich am Rande einer bis heute genutzten Ölbaumpflanzung. Unmittelbar westlich liegt eine moderne Flurmauer und hinter dieser der mutmaßliche Zentralort Lissais am Fuße des Eren Tepesi. Weitere antike Reste der unmittelbarenbaren Umgebung sind einige schwer datierbare Grabbauten und Felsgräber sowie ein antiker Weg, welcher sich an der Westflanke des Eren Tepesi entlang nach Süden zieht und in das Gebiet der Polis Lydai führt, die ihre Blüte in der Kaiserzeit hatte. Die vorzustellende Inschrift ist nur in einem Fragment erhalten. Es befindet sich auf einem schmucklosen, allseitig unregelmäßig gebrochenen Block aus lokalem Kalkstein mit geglätteter, nur leicht verwitterter Oberfläche. Die Zeilen verlaufen geradlinig, und auch die problemlos lesbaren Buchstaben sind regelmäßig. Die Buchstabenhöhe beträgt ca. 6 cm, der Zeilenabstand ca. 4 cm.
[PN —– ofik«n §n] L¤ssaiw t∞w Kaun¤aw

[kateskeÊasen tÚ] mnhme›on •aut“ ka‹ tª gu-

[naik‹ ka‹ to›w t°k]noiw mou ka‹ to›w vac.

[§j aÈt«n] vac.

„. . . (männlicher Personenname) . . ., wohnhaft in Lissai auf dem Territorium von Kaunos, hat das Grabmal errichtet für sich selbst sowie meine Frau und für meine Kinder und deren Nachkommen.“

 

Die drei erhaltenen Zeilen geben sicher die gesamte Höhe des rechten Teils des mageren Textes wieder, denn sowohl oberhalb der ersten als auch unterhalb der dritten ist weit mehr Raum freigelassen als zwischen den erhaltenen Zeilen. Da Z. 3 jedoch eine Ergänzung verlangt, muß zumindest eine vierte Zeile angenommen werden. Bereits Z. 2 ist wesentlich länger als Z. 3, und die Ergänzung von Z. 4 darf nicht sehr lang sein, mithin lief das Schriftbild nach unten spitz zu. Das für Z. 4 vorgeschlagene [§j aÈt«n] ist nur eine von mehreren Möglichkeiten. Es waren hier jedoch sicher weitere Verwandte des Grabinhabers benannt, nicht etwa Außenstehende, denen die Bestattung ebenfalls erlaubt würde o.ä., da eine entsprechende Verfügung erheblich mehr Raum beansprucht hätte als für Z. 4 vorhanden ist.

In der ersten Zeile ist die Lücke wohl zu [PN —– ofik«n §n] L¤ssaiw t∞w Kaun¤aw zu ergänzen. Unklar bleibt, ob der Name des Grabinhabers mit oder ohne Patronym genannt war, da die Länge von Z. 1 nur grob bestimmt werden kann. Die Knappheit des anzunehmenden Raumes (bei vorausgesetzter ungefährer Symmetrie des Schriftbildes dürfte die Lücke etwa 7–9 Buchstaben Platz bieten) läßt eher auf ersteres schließen.

Kommentar

Mit dieser Inschrift liegt ein Beleg für einen Metöken auf dem Territorium von Kaunos vor. Die Wendung ofik«n §n in Verbindung mit einem Toponym bezeichnet eine solche im Allgemeinen. Die Herkunft des Bestatteten, an dessen Grab, etwa einem Sarkophag lykischen Typs, sich die Inschrift befand, ist unklar; TAM II 159 ist die Ehreninschrift eines Rhodiers, der für seine Verdienste und sein Wohlwollen gegenüber Lissai geehrt und unter anderem mit dem Bürgerrecht ausgestattet wurde, belegt also zumindest die regelmäßige Anwesenheit von Fremden in der Region. Ferner steht nun fest, daß der Name des Gemeinwesens Lissai, nicht Lissos oder Lissa, lautete. Letzteres hat sich seit der Veröffentlichung von TAM II 158–162 weitgehend eingebürgert, obwohl die Herausgeber, J. Th. Bent und E. L. Hicks, auf beide Möglichkeiten hingewiesen hatten. Eine Entscheidung war nach dem damaligen Textbestand allerdings nicht möglich gewesen.

Eine Datierung der Inschrift ist nur in sehr weitem Rahmen vornehmbar. Da Lissai zum Zeitpunkt der Errichtung von TAM II 160 aus dem Jahr 246/5 v.Chr. nicht zu Kaunos gehörte, bildet dieser den einzig verfügbaren absoluten Terminus post quem. Die Buchstabenformen jedoch weisen in eine wesentlich spätere Zeit: Die Mittelhaste des Alphas ist gebrochen, das Sigma ist rechtwinklig, das Ny gleichschenklig, die mittlere Haste des Epsilons ebensolang wie die obere und untere, die Rundbuchstaben sind nahezu ebenso groß wie die übrigen, und sämtliche Buchstaben sind mit Apices versehen. Vor allem die Form des Sigmas weist in die späthellenistische Zeit. Parallelen hierzu aus dem westlykischen Raum gehören wohl sämtlich in das 1. Jh. v./1. Jh. n. Chr. Die wichtigste Erkenntnis, die aus dem Text zu gewinnen ist, betrifft die Grenzen der Poleis der Region zu dieser Zeit. Bei der Kaunía kann es sich nur um das Territorium der Polis Kaunos handeln, und die Aussage von Z. 1 ist, daß Lissai zur Zeit der Abfassung ganz oder teilweise in dessen Territorium aufgegangen war. Die Bezeichnung Kaunía ist bislang für das kaunische Territorium nicht belegt, liegt jedoch nahe, und auch die Verbindung eines Toponyms mit dem Namen des Polisgebietes, zu dem der Ort gehörte, ist plausibel. Ob sie in diesem Fall erfolgte, weil Lissai im Grenzgebiet zu anderen Poleis lag, weil die Annexion erst kurze Zeit zuvor stattgefunden hatte oder weil auch andere angrenzenden Gemeinwesen von der Auflösung Lissais profitiert hatten, kann nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden. Letzteres ist m.E. das nächstliegende. Eine Ausdehnung des kaunischen Gebietes bis an das Südufer des Kargın Gölü bildet die lückenlose Fortsetzung seines bislang bekannten oder zumindest naheliegenden Umfanges. Unter den Demen von Kaunos findet sich in hellenistischer Zeit u.a. Pasanda, und diese ehemals eigenständige Polis besaß wohl ein Territorium, welches sich vom westlichen Ufer des Indos (heute Dalaman Çayı) bis zum Sülüngür Gölü östlich von Kaunos erstreckte. Die bisherige Zahl von vermutlich 24 bekannten kaunischen Demen ist also um Lissai zu erweitern. Die hier vorgelegte Inschrift bietet dreierlei Neues: Zum einen belegt sie erstmals zweifelsfrei, daß der Name der Polis bzw. des späteren Demos von Kaunos und ihrer/seines Umlandes Lissai, nicht Lissa, lautete.

 

Lissai und Kaunos

Zweitens bildet sie das bislang für das historische Verständnis fehlende Glied zwischen den bekannten frühhellenistischen Inschriften TAM II 158–161, welche Lissai als eigenständiges Gemeinwesen charakterisieren, und den kaiserzeitlichen Listen lykischer Küstenorte, die Lissai nicht nennen. Dies liegt offensichtlich daran, daß es keine eigene politische Bedeutung mehr besaß. Drittens zeigt sie, daß die Expansion von Kaunos im Osten weiter reichte als bisher bekannt, nämlich über den Indos hinweg. Zu den ehemals selbständigen Gemeinwesen seiner Umgebung, die in kaunische Abhängigkeit gerieten, hat nun auch Lissai zu zählen, zumindest derjenige Teil der Polis, welcher unmittelbar südlich und südwestlich des Kargın Gölü lag. Weiterführende Schlußfolgerungen habe ich bereits an anderer Stelle zu ziehen versucht. Vermutlich fiel nicht das komplette Territorium Lissais an Kaunos, sondern sein Zerfall führte um die Mitte des 1. Jhs. v. Chr. zur Konstituierung der neuen Kleinstpoleis Lydai und Krya. Ebenso besser zu verstehen ist nun wohl auch der kaiserzeitliche Zollstreit zwischen Kaunos und Kalynda, da ersteres tatsächlich in der Lage war, dem kalyndischen Handel durch einen Hafenplatz an der Mündung des Indos empfindlich zu schaden.

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